Selbstbefriedigung, Pornokonsum und die Suche nach Nähe
- Manuel Schönthaler

- 30. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen

Eine traumainformierte Perspektive auf Sexualität, Bindung und echte Verbindung
Sexualität ist einer der ehrlichsten Orte unseres Nervensystems. Hier zeigt sich, wie sicher wir uns mit uns selbst fühlen, wie viel Nähe wir zulassen können – und wovor wir unbewusst fliehen. Selbstbefriedigung und Pornokonsum sind dabei nicht per se problematisch. Problematisch wird es dort, wo Sexualität ihre verbindende Funktion verliert und zur Kompensationsstrategie wird.
Viele Menschen spüren, dass „etwas nicht stimmt“, können es aber nicht benennen. Sie funktionieren sexuell, fühlen sich dabei jedoch innerlich leer, distanziert oder abhängig. Genau hier lohnt sich ein Blick aus der Traumaperspektive.
Wenn Sexualität zur Selbstregulation wird
Trauma bedeutet nicht nur das Erlebte, sondern vor allem das, was im Nervensystem zurückbleibt. Wer früh gelernt hat, Gefühle allein zu tragen, Nähe nicht zu bekommen oder sich selbst zu regulieren, sucht später oft nach schnellen, verlässlichen Wegen, innere Spannungen abzubauen.
Selbstbefriedigung und Pornos wirken genau dort:
sofort verfügbar
kontrollierbar
ohne emotionelles Risiko
Sie beruhigen, stimulieren, betäuben – je nachdem, was gerade gebraucht wird. Das Problem ist nicht diese Wirkung. Das Problem ist, dass echte Begegnung dabei zunehmend umgangen wird.
Sexualität verschiebt sich vom Beziehungsraum zum Regulationswerkzeug.
Warum besonders viele Männer betroffen sind
Viele Männer sind emotional früh auf sich gestellt. Nähe wurde selten gespiegelt, Verletzlichkeit oft sanktioniert. Was bleibt, ist ein Körper voller Energie, Lust und Spannung – aber wenig Sprache für Gefühle.
Sexualität wird dann zum einzigen Ort, an dem:
Intensität erlaubt ist
Lebendigkeit spürbar wird
Kontrolle möglich bleibt
Pornos liefern eine Illusion von Nähe ohne Abhängigkeit. Erregung ohne Risiko. Macht ohne Beziehung. Das ist verständlich – und gleichzeitig hochproblematisch, wenn es zur Hauptquelle von Selbstwert und Regulation wird.
Das Thema ist nicht Lust.
Das Thema ist emotionale Vereinzelung.
Sucht, Zwang oder Bindungsdynamik?
Nicht jede häufige Nutzung ist eine Sucht. Entscheidend sind andere Marker:
das Gefühl von Kontrollverlust
steigende Reizintensität
emotionale Abstumpfung
Rückzug aus realer Intimität
Scham und Geheimhaltung
Oft handelt es sich weniger um eine klassische Abhängigkeit als um einen Bindungs- und Regulationszwang. Das Nervensystem greift immer wieder zur gleichen Strategie, weil Alternativen fehlen oder Angst machen.
Die Frage ist nicht: „Warum höre ich nicht auf?“
Sondern: „Was kann ich ohne dieses Verhalten nicht aushalten?“
Die unsichtbaren Folgen für Beziehungen
Partnerinnen – und auch Partner – spüren meist sehr genau, wenn Sexualität innerlich entkoppelt ist:
weniger Präsenz
weniger Feinfühligkeit
weniger echtes Begehren
Viele Betroffene berichten nicht primär von Wut, sondern von einem tiefen Gefühl, allein zu sein, obwohl jemand da ist. Der eigentliche Vertrauensbruch entsteht oft nicht durch den Pornokonsum selbst, sondern durch:
Verheimlichung
Verharmlosung
emotionale Abwesenheit
Das verletzt Bindung – leise, aber nachhaltig.
Die Perspektive der Partnerinnen
Für viele Frauen ist die Erfahrung zutiefst erschütternd:
Vergleich mit unrealistischen Bildern
Verlust von Begehrtheit
Zweifel am eigenen Wert
Nicht selten entsteht eine sekundäre Traumatisierung, besonders wenn die Wahrnehmung abgestritten oder bagatellisiert wird. Wichtig ist: Das Erleben der Partnerin ist real. Es geht nicht um Überempfindlichkeit, sondern um den Verlust von emotionaler Sicherheit.
Pornos und unsichere Bindung
Pornos passen perfekt zu vermeidender Bindung: Autonomie ohne Nähe.
Sie triggern aber massiv ängstliche Bindungsmuster: Vergleich, Verlustangst, Selbstabwertung.
Was fehlt, ist das, was sichere Bindung ausmacht:
Vorhersagbarkeit
Resonanz
emotionale Erreichbarkeit
Sexualität ohne diese Qualitäten mag erregend sein – sie bleibt jedoch isolierend.
Was gesunde Sexualität wirklich nährt
Gesunde Sexualität ist kein Leistungsraum und kein Konsumprodukt. Sie braucht:
Langsamkeit
Körperwahrnehmung
emotionale Offenheit
die Bereitschaft, nicht zu wissen
den Mut, berührbar zu sein
Das ist herausfordernd. Und genau deshalb heilsam.
Der Weg heraus beginnt nicht mit Verboten
Verbote bekämpfen Symptome, nicht Ursachen. Entwicklung beginnt dort, wo Menschen beginnen:
ihre innere Dynamik ehrlich zu beobachten
Scham zu regulieren statt zu verdrängen
Bedürfnisse hinter dem Verhalten zu verstehen
Hilfreiche erste Schritte können sein:
Wahrnehmen: Wann nutze ich Sexualität zur Flucht?
Benennen: Welche Gefühle vermeide ich gerade?
Erforschen: Was würde echte Nähe jetzt bedeuten – und wovor habe ich Angst?
Für Paare ist Transparenz entscheidender als Kontrolle. Verantwortung heilt mehr als Rechtfertigung.
Ein realistischer Ausblick
Pornos sind kein Zeichen von Freiheit, sondern oft ein Zeichen von Einsamkeit.
Lust ohne Bindung sättigt kurz – und hinterlässt Leere.
Echte Intimität ist riskant. Sie konfrontiert uns mit Scham, Unsicherheit und Bedürftigkeit. Genau dort liegt jedoch die eigentliche Entwicklung.
Heilung bedeutet nicht, perfekt zu werden.
Heilung bedeutet, nicht mehr wegzulaufen, wenn es verbindlich wird.
Wenn du das gerne möchtest, begleite ich dich gerne auf dem Weg dorthin.
Damit Selbstbefriedigung, Pornokonsum und die Suche nach Nähe nicht zur Ersatzbefriedigung degradieren.
Disclaimer: Dieser Text reflektiert meine eigenen Erfahrungen, inneren Prozesse und Lernbewegungen. Er richtet sich nicht an konkrete Personen und ist keine indirekte Kommunikation. Wenn dich etwas daran berührt oder triggert, lade ich dich ein, dies als Impuls für deine eigene Selbstklärung zu nutzen.



