Ehrliches Mitteilen braucht Grenzen
- Manuel Schönthaler

- vor 4 Tagen
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Chancen, Grenzen und die Verantwortung für sichere Räume
Ehrliches Mitteilen (EM nach Gopal) hat in den letzten Jahren viele Menschen erreicht. Für manche ist es ein kraftvoller Weg geworden, sich selbst besser zu spüren, innere Zustände in Beziehung zu bringen und Kontakt klarer zu gestalten. EM kann verbinden, klären und Bewusstsein schaffen.
Gleichzeitig zeigt die Praxis immer deutlicher:
Nicht jeder Raum, in dem ehrlich mitgeteilt wird, ist auch ein sicherer Raum.
Und nicht jede Emotion, die sich zeigt, führt automatisch zu Integration.
Dieser Artikel möchte weder EM diskreditieren noch einzelne Menschen bewerten. Er will etwas anderes: orientieren, differenzieren und entlasten – besonders jene, die in EM-Kontexten Irritation, Überforderung oder innere Warnsignale erlebt haben und sich bisher vielleicht gefragt haben, ob „mit ihnen etwas nicht stimmt“.
EM ist kein therapeutischer Raum – auch wenn es sich manchmal so anfühlt
EM ist als Begegnungs- und Bewusstseinsübung zur Selbsthilfe konzipiert. Es schafft einen strukturierten Rahmen, in dem Menschen ihr inneres Erleben auf drei Ebenen mitteilen: Gedanken, Gefühle und Körpersensationen. Dieser Rahmen kann regulierend wirken – wenn das Nervensystem der Beteiligten dafür ausreichend stabil ist.
Was EM jedoch nicht ist:
keine Traumatherapie
kein Raum für Nachintegration intensiver Affekte
kein Setting mit professioneller Verantwortung für emotionale Stabilisierung
Das Problem entsteht dort, wo diese Grenze verschwimmt.
Vor allem dann, wenn starke Emotionen, alte Verletzungen oder prägende Beziehungserfahrungen im EM-Raum auftauchen – ohne dass jemand offiziell die Verantwortung für Halt, Einordnung und Nachregulation trägt.
Wenn EM unbewusst zur Traumakompensation wird
In der Praxis zeigt sich immer wieder ein ähnliches Muster:
Menschen mit instabilen Nervensystemen oder ungelösten Entwicklungstraumata nutzen EM-Räume, um inneren Druck abzubauen. Emotionen brechen hervor, alte Themen kommen in Kontakt – und bleiben dort oft ungehalten stehen.
Das geschieht meist nicht absichtlich.
Im Gegenteil: Viele dieser Menschen halten sich formal an die EM-Regeln. Doch innerlich wird der Raum nicht zur Selbstbegegnung genutzt, sondern zur Affektabfuhr im Kontakt.
Hier ist eine wichtige Unterscheidung zentral:
Nicht alles, was ehrlich mitgeteilt wird, ist bereits integriert. Und nicht jede Emotion, die im Kontakt auftaucht, dient Beziehung.
Wenn EM-Räume keine klare Grenze zu therapeutischer Arbeit ziehen, entsteht ein stilles Risiko: Emotionen werden geteilt – aber nicht verarbeitet. Andere Menschen werden zu Ko-Regulatoren, ohne es bewusst zu wählen.
Narzisstische Funktionalisierung von EM-Räumen
Ein besonders heikler, oft tabuisierter Punkt ist die narzisstische Nutzung von EM.
EM kann narzisstische Muster begünstigen, wenn:
der Fokus ausschließlich auf dem eigenen Erleben liegt
Projektionen nicht gespiegelt oder begrenzt werden
Ehrlichkeit als Rechtfertigung genutzt wird („Ich teile ja nur, was da ist“)
keine Verantwortung für die Wirkung auf andere übernommen wird
In solchen Fällen wird EM nicht zur Klärung genutzt, sondern zur Raumübernahme. Der Raum wird besetzt, andere ziehen sich zurück, werden still oder passen sich an. Formal bleibt alles korrekt – strukturell entsteht jedoch emotionaler Missbrauch.
Wichtig:
Das hat nichts mit „böser Absicht“ zu tun. Es handelt sich um unintegrierte Muster, die einen offenen Raum nutzen, um sich auszudrücken. Genau deshalb braucht es klare Grenzen.
EM darf nicht dazu dienen, narzisstische Dynamiken zu legitimieren oder zu verschleiern.
Korrektur im EM – Schutz oder Machtinstrument?
Ein weiterer kritischer Punkt ist der Umgang mit Korrekturen. Korrektur im EM hat eine klare Funktion: Sie dient der Rahmensicherung, nicht der Belehrung.
Sobald Korrekturen:
ausufernd werden
erklärend oder dozierend sind
den Prozess des anderen unterbrechen
implizit Hierarchie herstellen
verlässt die korrigierende Person den EM-Raum – und macht ihn zu ihrem eigenen.
Eine stimmige Korrektur ist:
kurz
transparent
prozessorientiert
und so minimal wie möglich
Alles andere kann den Kontakt stören und alte Ohnmachtserfahrungen reaktivieren – besonders bei Menschen mit Hierarchie- oder Mobbingtrauma.
Wenn dein Nervensystem Nein sagt, hat es Recht
Vielleicht der wichtigste Punkt dieses Artikels:
Dein Nervensystem ist ein verlässlicherer Kompass als jede Methode.
Wenn du in EM-Räumen erlebst:
innere Enge
Rückzug
Überforderung
das Gefühl, dich schützen zu müssen
oder den Impuls, dich selbst zu verlassen
dann ist das kein persönliches Versagen und kein Zeichen mangelnder Offenheit.
Es ist Information.
Du darfst:
Räume verlassen
Prozesse beenden
dich nicht weiter mitteilen
innerlich oder äußerlich Grenzen setzen
Auch dann – oder gerade dann – wenn andere sehr erfahren wirken oder der Raum „eigentlich sicher sein sollte“.
Verantwortung statt Idealisierung
EM kann ein wertvoller Weg sein. Aber jede Methode braucht Reife im Umgang mit ihren Grenzen.
Das bedeutet:
EM ersetzt keine Therapie
EM darf keine Traumaverarbeitung versprechen
EM-Räume müssen sich vor Übernahme schützen
EM braucht Menschen, die auf ihren Körper hören – nicht nur auf Regeln
Sich dabei unsicher, irritiert oder ambivalent zu fühlen, ist kein Fehler.
Es ist Teil eines gesunden Differenzierungsprozesses.
Ein sicherer Ort für ehrliches Mitteilen
Aus genau diesen Gründen habe ich die geschützten und von mir begleiteten Fühlräume geschaffen. Räume, in denen u.a. EM als Methode sicher, bewusst und mit klarer Verantwortung praktiziert wird.
Dort geht es nicht um Durchhalten, Funktionieren oder emotionale Grenzüberschreitung – sondern um:
Nervensystemsicherheit
klare Rahmen
achtsame Begleitung
und die Freiheit, jederzeit bei sich zu bleiben
Wenn du EM lernen oder vertiefen möchtest, ohne dich selbst dabei zu verlieren, bist du dort herzlich willkommen. Ich biete verschiedene Räume dazu an: für Anfänger mit Korrektur, für Fortgeschrittene in einer wöchentlichen Kleingruppe oder als Level 3 Räume für Profis, jeweils mit mir als Gruppenleiter.
Ehrlichkeit braucht Halt.
Echte Begegnung beginnt dort, wo Grenzen respektiert werden.
Deshalb: Ehrliches Mitteilen braucht Grenzen.
Disclaimer: Dieser Text reflektiert meine eigenen Erfahrungen, inneren Prozesse und Lernbewegungen. Er richtet sich nicht an konkrete Personen und ist keine indirekte Kommunikation. Wenn dich etwas daran berührt oder triggert, lade ich dich ein, dies als Impuls für deine eigene Selbstklärung zu nutzen.



