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Bin ich falsch oder sind es die anderen?

Aktualisiert: vor 5 Tagen


Über zwei traumageprägte Grundrichtungen in Beziehungen

Es gibt Beziehungskonflikte, die fühlen sich an wie Endlosschleifen. Man versteht sich besser, reflektiert mehr, kommuniziert bewusster – und trotzdem tauchen dieselben Gefühle wieder auf: Schuld, Rückzug, Wut, Ohnmacht, innere Distanz oder das Bedürfnis, sich selbst zu verlieren, um Nähe zu halten.


Was sich dabei wiederholt, ist selten nur ein Verhalten. Es ist eine innere Grundannahme, die meist unbemerkt im Hintergrund wirkt. Sie meldet sich nicht unbedingt als klarer Gedanke, sondern eher als Körpergefühl, als emotionale Grundfarbe:

„Mit mir stimmt etwas nicht.“

oder

„Mit den anderen stimmt etwas nicht.“

Diese beiden Sichtweisen erscheinen gegensätzlich. Doch sie sind keine Gegenspieler. Sie sind zwei Schutzrichtungen desselben Systems, das gelernt hat, wie man in Beziehung überlebt.


Zwei Richtungen, die aus derselben Erfahrung entstehen

Beide Haltungen haben ihren Ursprung in frühen Bindungserfahrungen, in denen emotionale Sicherheit nicht zuverlässig verfügbar war. Das kann durch offene Gewalt geschehen – viel häufiger aber durch emotionale Inkonsistenz, Überforderung, Vernachlässigung oder subtile Beschämung.


Kinder können solche Situationen nicht einordnen. Sie passen sich an. Und sie entwickeln innere Erklärungen dafür, warum Nähe sich unsicher anfühlt. Diese Erklärungen werden zu Orientierungssystemen für spätere Beziehungen.


Die entscheidende unbewusste Frage lautet dann:

"Wo liegt das Problem, wenn es emotional eng wird?"


Je nach Antwort entsteht eine der beiden Grundrichtungen.


„Mit mir stimmt etwas nicht“ – wenn Nähe an Anpassung geknüpft ist

Diese innere Richtung ist häufig geprägt von Scham. Nicht als dramatischer Selbsthass, sondern als leises, konstantes Gefühl, irgendwie defizitär zu sein.


Menschen mit dieser Prägung – oft verbunden mit ängstlich-ambivalenten oder desorganisierten Bindungsmustern – erleben Beziehung als etwas Kostbares, aber Unsicheres. Nähe wird stark gesucht, gleichzeitig aber als fragil empfunden.


Innerlich kreisen dann Fragen wie:


  • "Habe ich zu viel gebraucht?"

  • "War ich zu empfindlich?"

  • "Hätte ich verständnisvoller sein müssen?"


Eigene Bedürfnisse verlieren an Gewicht, sobald Beziehung auf dem Spiel steht. Gefühle wie Wut oder Enttäuschung werden herunterreguliert, oft noch bevor sie bewusst wahrgenommen werden. Der Körper hat gelernt: Sicherheit entsteht durch Selbstkontrolle.

Wenn ich mich anpasse, bleibe ich verbunden.

Diese Haltung ist tief verständlich. Sie schützt vor Liebesentzug. Gleichzeitig führt sie langfristig zu innerer Erschöpfung, Selbstentwertung und dem Gefühl, in Beziehungen nicht wirklich da sein zu dürfen.


„Mit den anderen stimmt etwas nicht“ – wenn Distanz Schutz bedeutet

Die andere Grundrichtung wirkt nach außen oft stabiler, klarer, manchmal sogar überlegen. Doch auch hier geht es nicht um Stärke, sondern um Regulation.


Menschen mit dieser Prägung – häufig mit vermeidenden oder vermeidend-unsicheren Bindungsmustern – haben gelernt, dass Nähe Risiken birgt. Emotionale Abhängigkeit wird unbewusst mit Kontrollverlust oder Überforderung verknüpft.


In Beziehungen zeigt sich das oft subtil. Nähe wird nicht offen abgelehnt, aber relativiert. Emotionale Intensität fühlt sich schnell zu viel an. Kritik wird als Angriff erlebt, Bedürfnisse anderer als Zumutung.


Der innere Satz lautet:

"Wenn es schwierig wird, liegt das Problem nicht bei mir."

Diese Haltung schützt Autonomie und verhindert alte Überflutung. Gleichzeitig erschwert sie echte Verbundenheit, weil emotionale Nähe früh auf Distanz gehalten wird.


Das Pendeln zwischen Selbst- und Fremdangriff

Viele Menschen erkennen sich in beiden Beschreibungen wieder. Das ist kein Zufall.


Trauma arbeitet nicht logisch, sondern situationsabhängig. Je nachdem, was das Nervensystem gerade als gefährlicher empfindet – Nähe oder Verlust – wird die entsprechende Schutzrichtung aktiviert.


So kann es passieren, dass man sich in einer Beziehung selbst infrage stellt und nach außen hin stabil wirkt, während nach einer Trennung plötzlich Klarheit, Abwertung oder emotionale Distanz dominieren.


Dieses Pendeln ist kein Zeichen von Unreife. Es ist ein Hinweis darauf, wie sehr das innere System versucht, Kontrolle und Sicherheit herzustellen – oft mit Mitteln, die heute nicht mehr hilfreich sind.


Abwehr schützt – und begrenzt zugleich

Abwehrmechanismen wie Projektion, Rückzug, Idealisierung, Entwertung oder Selbstangriff sind keine Fehlfunktionen. Sie sind alte Lösungen für Situationen, in denen es keine guten Optionen gab.


Schwierig wird es, wenn diese Mechanismen unbewusst bleiben. Dann reagieren wir nicht mehr auf die aktuelle Situation, sondern auf alte innere Bilder. Beziehungen werden zur Bühne für vergangene Erfahrungen.


Der eigentliche Konflikt liegt dann selten zwischen zwei Menschen.

Er liegt zwischen alten Schutzprogrammen und heutigen Möglichkeiten.


Verantwortung neu verstehen

Ein zentraler Schritt in der Trauma-Arbeit ist das Umlernen von Verantwortung. Nicht als moralische Kategorie, sondern als innere Fähigkeit.


Verantwortung heißt nicht:


  • sich schuldig zu machen,

  • sich zu analysieren,

  • oder alles „richtig“ zu machen.


Verantwortung heißt:

"Ich erkenne, aus welchem inneren Zustand heraus ich reagiere – und beginne, diesen Zustand ernst zu nehmen."

Das ist kein schneller Prozess. Aber er verändert Beziehung von Grund auf. Denn dort, wo Selbstangriff oder Fremdangriff waren, entsteht langsam Selbstkontakt.


Ausblick: Warum Trauma-Arbeit unverzichtbar ist

Ohne Trauma-Arbeit drehen sich diese Dynamiken weiter. Menschen wechseln, Beziehungen enden, neue beginnen – und innerlich bleibt vieles gleich. Hoffnung wird investiert, Enttäuschung folgt, alte Schutzrichtungen übernehmen wieder die Führung.


Trauma-Arbeit unterbricht diesen Kreislauf nicht durch Disziplin oder Optimierung, sondern durch mehr innere Wahlfreiheit. Durch die Fähigkeit, innezuhalten, zu spüren und nicht sofort reagieren zu müssen.


Heilung zeigt sich nicht darin, dass nie wieder getriggert wird. Sie zeigt sich darin, dass Trigger früher erkannt werden und weniger Macht haben. Dass Nähe nicht automatisch Selbstverlust bedeutet – und Autonomie nicht automatisch Einsamkeit.


Die zentrale Frage verändert sich dann leise, aber nachhaltig:

Nicht mehr: "Bin ich falsch – oder sind es die anderen?"

Sondern:

"Was wird hier gerade in mir aktiviert – und was braucht jetzt Aufmerksamkeit?"

Und genau dort beginnt Beziehung nicht mehr als Wiederholung, sondern als echte Begegnung. Einer Begegnung mit sich selbst.


Genau das ist auch die Grundlage der Selbstbegegnungsarbeit, die ich anbiete.


Disclaimer: Dieser Text reflektiert meine eigenen Erfahrungen, inneren Prozesse und Lernbewegungen. Er richtet sich nicht an konkrete Personen und ist keine indirekte Kommunikation. Wenn dich etwas daran berührt oder triggert, lade ich dich ein, dies als Impuls für deine eigene Selbstklärung zu nutzen.

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