Das falsche Selbst
- Manuel Schönthaler

- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

wenn Überleben zur Lebensform wird
Manche Menschen führen ein Leben, das von außen betrachtet vollkommen stimmig wirkt. Sie sind leistungsfähig, sozial integriert, oft sogar erfolgreich. Sie führen Beziehungen, übernehmen Verantwortung, funktionieren. Und doch gibt es innen etwas, das sich leer anfühlt, angespannt, nicht wirklich lebendig.
Es ist dieses leise Gefühl, nicht ganz da zu sein im eigenen Leben.
Nicht falsch. Nicht kaputt.
Aber auch nicht wirklich verbunden – weder mit sich selbst noch mit anderen.
Viele dieser Menschen leben aus einem falschen Selbst heraus. Nicht, weil sie unehrlich wären, sondern weil sie sehr früh gelernt haben, dass Authentizität gefährlich sein kann.
Das falsche Selbst ist kein Betrug. Es ist eine Antwort auf eine Welt, in der das echte Selbst keinen sicheren Platz hatte.
Wie das falsche Selbst entsteht
Das falsche Selbst bildet sich dort, wo ein Kind spürt: "So wie ich bin, bin ich nicht sicher."
Vielleicht waren die Bezugspersonen emotional nicht erreichbar. Vielleicht überfordert, kontrollierend oder selbst innerlich abwesend. Vielleicht wurde Leistung mehr gesehen als Gefühl, Anpassung mehr belohnt als Lebendigkeit.
Das Kind lernt dann nicht bewusst, aber sehr präzise:
Welche Gefühle ich zeigen darf
Welche Seiten von mir willkommen sind
Was Nähe sichert – und was sie gefährdet
Aus dieser feinen Beobachtung entsteht eine Identität, die schützt. Eine Maske, eine Rolle, eine innere Haltung: "So bin ich richtig."
Hans-Joachim Maaz beschreibt diesen Zustand in Das falsche Leben als tiefgreifende Selbstentfremdung – individuell wie gesellschaftlich. Anpassung wird zur Tugend, Funktionieren zur Lebensform. Was dabei verloren geht, ist der Kontakt zum eigenen inneren Erleben.
Wenn Überleben nicht mehr genügt
Was einmal notwendig war, wird später oft zur unsichtbaren Begrenzung.
Menschen im falschen Selbst sind häufig erstaunlich kompetent darin, ihr Leben zu organisieren. Sie wissen, wie man Erwartungen erfüllt, Konflikte vermeidet, Stabilität herstellt. Doch innerlich bleibt oft eine Spannung zurück – ein Gefühl von innerer Ambivalenz.
Da ist der Wunsch nach Nähe, und gleichzeitig die Angst davor.
Da ist Erfolg, der sich hohl anfühlt.
Da ist Beziehung, ohne wirkliche Tiefe.
"Ich bin da – aber nicht wirklich gemeint."
Diese innere Diskrepanz zeigt sich nicht selten in depressiven Phasen, in chronischer Erschöpfung oder in immer wieder scheiternden Beziehungen. Nicht, weil diese Menschen beziehungsunfähig wären, sondern weil Beziehung aus Anpassung heraus keine echte Resonanz zulässt.
Beziehungen, die auf Rollen beruhen
Viele Beziehungen entstehen aus dem falschen Selbst heraus nicht auf der Basis von Echtheit, sondern auf der Basis von Funktion.
Man ist der oder die Starke. Der oder die Vernünftige. Diejenige, die hält. Derjenige, der keine Ansprüche stellt.
Das kann Nähe ermöglichen – aber keine wirkliche Intimität.
Denn echte Verbindung entsteht dort, wo Menschen sich zeigen dürfen, auch in ihrer Unsicherheit, Bedürftigkeit und Unvollkommenheit. Genau das aber hat das falsche Selbst früh gelernt zu vermeiden.
So entstehen Beziehungsmuster, die vertraut, aber schmerzhaft sind. Nähe fühlt sich schnell zu eng an, Distanz zu leer. Beziehungen beginnen intensiv und verlieren sich, oder sie bleiben stabil – aber innerlich unberührt.
Warum sich das nicht „einfach ändern“ lässt
Viele Betroffene sind klug, reflektiert und haben bereits viel verstanden. Und trotzdem erleben sie sich immer wieder im gleichen inneren Zustand. Das kann frustrieren und beschämend wirken.
Der Grund ist einfach – und gleichzeitig tiefgreifend:
Das falsche Selbst ist kein Denkfehler. Es ist im Nervensystem verankert.
Es schützt vor Überforderung, vor emotionaler Unsicherheit, vor dem alten Schmerz, nicht gehalten zu werden. Veränderung bedeutet für dieses System nicht Freiheit, sondern zunächst Gefahr.
Was sich sicher anfühlt, ist nicht immer das, was lebendig macht.
Deshalb braucht Heilung nicht mehr Disziplin, sondern mehr Sicherheit. Nicht Selbstoptimierung, sondern Beziehung. Nicht Druck, sondern Mitgefühl.
Verantwortung ohne Selbstverurteilung
Ein zentraler Wendepunkt liegt in einem inneren Perspektivwechsel:
Ich erkenne an, warum ich so geworden bin.
Und ich übernehme Verantwortung dafür, wie ich heute leben möchte.
Das ist keine Schuldübernahme. Es ist Selbstermächtigung.
Verantwortung heißt hier, sich nicht länger gegen die eigene Wahrheit zu stellen. Wahrzunehmen, wo man sich anpasst, obwohl man sich verliert. Zu spüren, wo man funktioniert, obwohl man Nähe braucht.
Heilung beginnt oft leise:
mit ehrlicher Selbstbeobachtung
mit dem Mut, langsamer zu werden
mit dem Erlauben von Gefühl, ohne es sofort zu erklären
Auf dem Weg zurück zum echten Selbst
Das echte Selbst muss nicht erschaffen werden. Es ist da. Oft verschüttet, oft vorsichtig, aber lebendig.
Es zeigt sich nicht in großen Entscheidungen, sondern in kleinen Momenten:
wenn etwas sich stimmig anfühlt
wenn ein Nein ehrlich ist
wenn Nähe nicht mehr angepasst werden muss
Authentisch zu sein bedeutet nicht, alles zu zeigen. Sondern nichts mehr verstecken zu müssen.
Dieser Weg ist kein Sprint. Er ist ein Prozess von Vertrauen – in den eigenen Körper, die eigenen Gefühle und in Beziehungen, die Sicherheit bieten.
Zum Schluss
Das falsche Selbst war einmal notwendig. Es hat dich getragen, geschützt, durch schwierige Zeiten gebracht. Dafür verdient es Anerkennung.
Doch es darf heute geprüft werden, ob es noch dein Leben führen soll.
Heilung bedeutet nicht, jemand anderes zu werden.
Sondern endlich dort anzukommen, wo du dich selbst nicht mehr verlassen musst, um verbunden zu sein.
Wenn du diesen Weg gehen willst, beginnt er nicht mit Perfektion –
sondern mit einem ehrlichen, freundlichen Blick nach innen.
Disclaimer: Dieser Text reflektiert meine eigenen Erfahrungen, inneren Prozesse und Lernbewegungen. Er richtet sich nicht an konkrete Personen und ist keine indirekte Kommunikation. Wenn dich etwas daran berührt oder triggert, lade ich dich ein, dies als Impuls für deine eigene Selbstklärung zu nutzen.



