Die Grenze echter Hilfe
- Manuel Schönthaler

- vor 1 Tag
- 5 Min. Lesezeit

Warum Selbstwirksamkeit dort beginnt, wo Begleitung aufhört
Es gibt einen Satz, den ich in meiner Coaching-Ausbildung gelernt habe und der mich seitdem nicht mehr loslässt. Nicht, weil er tröstlich wäre – sondern weil er eine Wahrheit ausspricht, an der viele Prozesse still werden:
"Wenn ich als Coach das Ziel meines/r Klienten/in mehr erreichen will als er/sie selbst, kann ich ihm/ihr nicht helfen."
Lange habe ich diesen Satz vor allem professionell verstanden.
Heute, aus der Perspektive der Traumaheilung, weiß ich:
Er beschreibt keinen methodischen Grundsatz, sondern eine existenzielle Grenze.
Eine Grenze, an der sich entscheidet, ob Veränderung möglich wird –
oder ob alte Muster lediglich in neuem Gewand weiterleben.
Selbstwirksamkeit ist keine Entscheidung – sondern eine Erfahrung
Viele Menschen glauben, Selbstwirksamkeit sei eine Frage von Motivation, Willenskraft oder Einsicht. Gerade im Coaching- und Therapiekontext begegnet mir diese Annahme häufig.
Doch aus traumasensibler Sicht ist Selbstwirksamkeit etwas anderes.
Sie ist keine Haltung, die man sich vornimmt – sondern eine verkörperte Erfahrung, die oft früh unterbrochen wurde.
Für viele Menschen war es einmal gefährlich,
etwas zu wollen
sich auszurichten
in Kontakt mit dem eigenen Impuls zu kommen
Wer früh gelernt hat, dass eigenes Wollen mit Ablehnung, Strafe oder Überforderung beantwortet wird, entwickelt andere Strategien: Anpassung. Rückzug. Widerstand.
Oder das Hoffen, dass jemand anderes übernimmt.
Deshalb ist es kein Mangel an Einsicht, wenn Menschen Veränderung wollen –
aber nicht gehen.
Es ist ein innerer Schutz, der sehr tief sitzt.
Wenn Helfen alte Muster stabilisiert
In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die sich in einer Opferdynamik befinden. Nicht als bewusste Haltung, sondern als erlernte innere Struktur.
Typisch ist:
ein starkes Bedürfnis nach Unterstützung
gleichzeitig ein unbewusster Widerstand gegen Führung
ein permanentes Schwanken zwischen Nähe und Rückzug
In solchen Konstellationen geschieht etwas Subtiles:
Der Begleiter beginnt zu tragen.
Er erinnert an Termine.
Er motiviert.
Er hält den Prozess emotional zusammen.
Und genau hier kippt etwas.
Denn in dem Moment, in dem ich mehr investiere als der Mensch selbst,
übernehme ich unbewusst eine Rolle, die das alte Muster bestätigt:
"Ich kann es nicht allein. Jemand anderes muss es für mich halten."
Traumasensible Arbeit bedeutet, diese Dynamik zu erkennen und zu stoppen.
Nicht aus Kälte – sondern aus Respekt.
Denn echte Hilfe beginnt dort, wo Verantwortung nicht mehr abgenommen, sondern zurückgegeben wird.
Wenn Entwicklung zur Schutzschicht wird
Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die scheinbar das Gegenteil verkörpern.
Sie haben:
viel Therapie gemacht
viele Methoden kennengelernt
sich intensiv reflektiert
Jahre in persönliche Entwicklung investiert
Und dennoch stehen sie plötzlich an einem Punkt, an dem sich nichts mehr bewegt.
Oft taucht dann ein innerer Satz auf wie:
"Ich habe doch schon so viel gemacht."
Dieser Satz ist nachvollziehbar. Und gleichzeitig hochwirksam – im blockierenden Sinn.
Denn er erzählt eine Geschichte:
dass Arbeit automatisch Lösung bedeuten müsste.
Dass Wissen Sicherheit geben sollte.
Dass es irgendwann „fertig“ sein müsste.
Traumaheilung verläuft jedoch nicht linear. Sie kennt keine Abschlussprüfung.
Manchmal besteht der nächste Schritt gerade darin,
das eigene Wissen nicht mehr zu benutzen
alte Erklärungen loszulassen
sich noch einmal unwissend zu machen
Nicht, weil vorherige Arbeit falsch war.
Sondern weil sie bis hierher getragen hat – und nicht weiter.
Wenn Prozesse zur Endlosschleife werden
Eine dritte Dynamik begegnet mir immer häufiger – und sie ist besonders schwer zu erkennen, weil sie gesellschaftlich hoch angesehen ist.
Menschen, die:
von Retreat zu Retreat gehen
von Prozess zu Prozess
von emotionaler Öffnung zur nächsten
Viel Gefühl. Viel Tiefe. Viel innere Bewegung.
Und doch verändert sich das Leben kaum.
Hier ist eine klare Differenzierung entscheidend:
Räume, Methoden und emotionale Prozesse sind nicht das Problem.
Ich selbst nutze emotionale Selbsterfahrung sehr bewusst, um die Verbindung zu mir zu vertiefen. Der Unterschied liegt nicht im Tun, sondern in der Funktion.
"Führt mich das, was ich tue, näher in mein eigentliches Leben – oder hilft es mir, de facto Verantwortung zu umgehen?"
Manche Prozesse regulieren hervorragend.
Sie beruhigen das Nervensystem, öffnen das Herz, erzeugen Verbundenheit.
Aber Regulation ist nicht gleich Integration.
Wenn emotionale Arbeit nicht in Handlung, Beziehung und Alltag ankommt,
wird sie zur Schleife.
Spirituelles oder therapeutisches Wachstum kann dann unbewusst zum Bypassing werden –
nicht als Irrtum, sondern als Schutz vor einem nächsten, unbequemeren Schritt.
Die gemeinsame Schwelle
So unterschiedlich diese drei Wege erscheinen mögen – sie führen alle an dieselbe Stelle.
An eine Schwelle, an der keine Methode mehr greift.
An der keine Erklärung trägt.
An der niemand mehr ziehen kann.
Diese Schwelle heißt Selbstwirksamkeit.
Und sie fühlt sich oft nicht kraftvoll an, sondern:
leer
still
unsicher
Viele erwarten dort Erleichterung.
Tatsächlich wartet dort Verantwortung.
Niemand kann diesen Schritt stellvertretend gehen.
Nicht, weil er zu schwer wäre. Sondern weil er nur aus dem eigenen Inneren entstehen kann.
Meine Haltung in der Traumaheilung
Ich arbeite nicht, um Menschen zu motivieren. Und nicht, um Prozesse am Laufen zu halten.
Ich arbeite, um Räume zu öffnen, in denen Menschen sich selbst begegnen können – ohne Ausweichbewegung.
Das bedeutet:
Ich trage keine Prozesse für andere.
Ich halte aus, wenn jemand zögert.
Ich vertraue darauf, dass Selbstwirksamkeit ihren eigenen Zeitpunkt hat.
Nicht jeder Mensch ist gerade an dieser Schwelle. Und nicht jeder, der leidet, ist bereit für echte, nachhaltige Veränderung.
Das ist keine Bewertung. Es ist Realität.
Wie Heilung bei mir weitergehen kann
Heilung bedeutet für mich nicht, immer noch tiefer zu gehen. Sondern ehrlicher und konsequenter nach vorne.
In meiner Arbeit öffne ich dafür unterschiedliche Räume:
Fühlräume, in denen du dich selbst wieder spürst.
Selbstbegegnung, um deine Traumamuster zu transformieren.
Kurzzeitformate, wenn etwas Konkretes geklärt werden will.
Langzeitbegleitung, wenn alte Muster Zeit brauchen.
Online- und Offline-Räume, je nach Lebenssituation.
Retreats, Wandercoachings, Sound Healings und mehr.
Nicht als nächstes Versprechen. Sondern als Einladung zur echten Selbstbegegnung.
Ausblick: Vertiefende Artikelserie
In den kommenden drei Artikeln werde ich diese Themen einzeln vertiefen:
Opferdynamik & erlernte Hilflosigkeit
Warum Hilfe manchmal nicht hilft – und wie Selbstwirksamkeit trotzdem wachsen kann.
Wenn Entwicklung zur Identität wird
Warum „viel gemacht“ nicht vor Tiefe schützt – und was danach kommt.
Spirituelles Bypassing & Prozess-Schleifen
Wann emotionale Arbeit heilt – und wann sie uns vom Leben fernhält.
Wenn du dich in diesem Text wiedergefunden hast, nicht beschämt, sondern berührt, dann stehst du vielleicht genau an dieser Grenze.
Nicht dort, wo jemand anderes es mehr will als du. Sondern dort, wo du beginnst, es selbst zu tragen. Weil du innerlich wirklich dafür bereit bist.
Dort liegt die Grenze echter Hilfe.
Disclaimer: Dieser Text reflektiert meine eigenen Erfahrungen, inneren Prozesse und Lernbewegungen. Er richtet sich nicht an konkrete Personen und ist keine indirekte Kommunikation. Wenn dich etwas daran berührt oder triggert, lade ich dich ein, dies als Impuls für deine eigene Selbstklärung zu nutzen.



